175 Jahren Baptisten (8/12)

25.10.2009 00:11

1965 - 1975: Eine Zeit der Neuorientierung

Eine neue Generation leitender Geschwister übernimmt die Verantwortung im Westbund. Johannes Arndt wird 1966 neuer Bundesvorsitzender, 1973 Günter Hitzemann. 1967 wird Gerhard Claas Bundesdirektor als Nachfolger von Rudolf Thaut, der 1968 Direktor des Theologischen Seminars wird. Willi Grün wird 1965 Redaktionsleiter im Verlagshaus. Es beginnt eine Zeit der Neuordnung und Konsolidierung, weil Bisheriges instabil wurde. Verfassung, Wahlordnung und Rechenschaft vom Glauben werden neu erarbeitet. Der Bruderrat der Brüdergemeinden konstituiert sich. Manfred Otto, seit 1970 Bundesdirektor, führt die Bezeichnung „Bundesmissionshaus“ ein und strebt einen Neubau an. Die Kontakte mit den anderen Freikirchen werden verstärkt, besonders auf den Gebieten Rundfunkarbeit, Ausbildung und Diakonie.

Theologisches Seminar Hamburg: Studentenproteste wegen unzumutbarer Wohn- und Studienbedingungen führen zu Umbauten und einer Neuordnung des Lebens auf dem Campus. Die meistdiskutierte Frage ist die der Verheiratung von Studenten – bisher war es Verheirateten nicht möglich, im Seminar zu wohnen. Später tritt die Frage des Dienstes der Frauen in unserer Bundesgemeinschaft stark in den Vordergrund. Sie beschäftigt den Bundesrat über mehrere Jahre und ist bis 1975 noch nicht abschließend entschieden. Im Zusammenhang mit den 68er Studentenprotesten lehnen sich auch die Seminaristen gegen die bisher unangefochtenen Autoritäten auf. Viele solidarisieren sich mit der Studentenarbeit. Eine ganze Gruppe verlässt das Seminar, orientiert sich entweder bei anderen Kirchen und politischen Gruppierungen oder versucht als Therapeuten ein berufliches Auskommen zu finden. Die Bemühungen, zu einem gesamtfreikirchlichen Ausbildungsinstitut zu gelangen, bleiben erfolglos.

Studentenarbeit: In mehreren Universitätsstädten bestanden baptistische Studentenkreise und Wohnheime, getragen und gefördert durch „Altakademiker“. Im Gefolge der Studentenproteste 1968 mehren sich kritische Stimmen gegenüber den etablierten Strukturen und Personen des Bundes. Der Ende 1968 zum hauptamtlichen Studentenwart berufene Hagen Seuffert wird in seiner Stellung zwischen den Fronten von allen Seiten angegriffen. 1970 verbietet die Bundesleitung die Herausgabe der Publikationen (u. a. Semesterzeitschrift „SZ“) unter dem Namen des Bundes. Auf dem Höhepunkt der Auseinandersetzungen beim Bundesrat 1971 in Stuttgart kommen unüberbrückbare theologische und politische Gegensätze zutage. Die Studentenarbeit des Bundes stellt bald danach ihre Arbeit ein. Viele Studenten und Akademiker verlassen unsere Gemeinden.

Verlag: Als direkte Folge der Auseinandersetzungen verlassen Annemarie Oesterle und Ulrich Hühne den Oncken-Verlag. Die „Junge Mannschaft“ stellt ihr Erscheinen ein, später auch „Wort+Tat“. Die wirtschaftliche Entwicklung gibt Anlass zur Sorge.

Mission: Nach mehreren Großevangelisationen mit Billy Graham werden flächendeckende Aktionen verwirklicht: Gebietsmission Rhein / Ruhr, „EURO 70“, Partnerschaftsmission, „evangelia“, Schulungsprogramme für persönliche Evangelisation und Einrichtung einer Bundeszentrale unter Leitung von Günter Wieske 1968. Zunehmend bemühen sich Vertreter des Bundes um die Integration von Baptisten aus osteuropäischen Ländern in Umsiedlergemeinden. Die Außenmission wird unter Leitung von Helmut Grundmann (seit 1967) ausgebaut. In Zusammenarbeit mit dem Gemeindejugendwerk entsteht 1975 die Lehrwerkstatt in Maroua (Kamerun), weitere Arbeitszweige entstehen in Sierra Leone und Südamerika („Missionarische Aktionen in Südamerika“, MASA, initiiert von Horst Borkowski).

Gemeindejugendwerk: Rudi Sichelschmidt ab 1965 und Karl Heinz Walter ab 1969 verantworten die Abteilungen Kinder-, Jungschar-, und Jugendarbeit mit jeweils eigenen Leitungen. Die Bundesjugendtreffen im Zweijahresrhythmus ziehen viele Teilnehmer an. Die neu gestalteten A-B-C-Kurse stabilisieren den Stamm der ehrenamtlich Mitarbeitenden. Die internationalen Beziehungen nehmen zu, seit K.H. Walter auch das BWA Jugendkomitee leitet. Das starke Engagement in der Außenmission gründet auf einem entwicklungspolitischen Interesse unter den Jugendlichen, das teilweise auch auf Bedenken von Seiten der Bundesleitung stößt.

Diakonie: Nach dem Krieg neu gegründete diakonische Werke und Einrichtungen bauen ihre Arbeit aus, aber den Diakonissenmutterhäusern fehlt es an Nachwuchs. Walter Füllbrandt wandelt das bisherige Albertinen-Mutterhaus in Hamburg in ein modernes Diakoniewerk um, dem neben den Diakonissen auch Angestellte und Ehrenamtliche angehören. 

 

Harold Eisenblätter (Hamburg)

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