Die Pionierzeit des deutschen Baptismus: 1834-1859 (Folge 1/12)

16.04.2009 09:54

Johann-Gerhard Oncken (geb. 1800 in Varel, gest. 1884 in Zürich) stammte aus einfachsten Verhältnissen. Ihn prägte die Zeit, die er in Großbritannien als Kaufmannsgehilfe verbrachte. Zwischen 1814 und 1823 lernte er als Heranwachsender das damals modernste Land der Welt kennen. Handel und Industrie standen in voller Blüte. Bürgerliche und religiöse Freiheiten hatten einen Stand erreicht, der in Deutschland noch lange nicht in Sicht war. Die Schattenseite dieser Entwicklung war die Massenarmut und die moralische Verwahrlosung unter den Industriearbeitern. Angesichts dieser Widersprüche in der Ge­sellschaft fand Oncken innere Orientierung in der calvinistisch geprägten Frömmig­keit der schottischen und englischen Erweckungsbewegung und entdeckte seine persönliche Berufung. Bekehrung, Widergeburt und Heiligung, konsequente Ausrichtung an der Bibel und unermüdlicher Missions­eifer waren seither die Eckpunkte seines Selbst­ver­ständ­nisses. Nach der Rückkehr nach Deutschl­and war Oncken seit 1828 in Hamburg als Vertreter britischer Schrif­ten­missions­­ge­sell­schaf­­ten tätig. Aus dem Hamburger Klein­bür­­ger- und Arbeitermilieu sammelte er um sich eine Grup­­pe von Gläubigen zu regel­mä­ßigen Ver­samm­lun­gen. Nachdem in diesem Kreis schon seit 1829 die bib­­li­sche Berechtigung der Kindertaufe be­strit­ten worden war, ließen „On­cken und Con­sor­ten“ (so sagten damals die Hamburger) am 22. April 1834 vom durch­rei­sen­­­den ame­ri­ka­nischen bap­tistischen Theologen Barnard Sears tauf­en. Für die Hamburgischen Behörden und für die Staats­kir­che der stolzen Kaufmannsrepublik, die in ihrer re­li­giö­sen und politischen Entwicklung im 17. Jahr­hun­dert stehengeblieben war, war Onckens Ge­mein­de­grün­dung eine höchst ver­däch­­tige Angelegenheit, die man Anfangs durch Po­­li­zei und Gerichtsbarkeit zu unterdrücken ver­suchte. Umso be­mer­kens­wer­ter ist die Tatsa­che, dass die kleine Gemeinde zum Aus­gangs­punkt einer er­folg­rei­chen Missionsar­beit wurde, vor allem durch Bibel- und Schriften­verbreitung, Predigtreisen und Kon­takt­aufnahme mit ähnlich denkenden Kreisen an anderen Orten. Bald folgten Gemein­­­degründungen in Berlin und Oldenburg (1837), Stuttgart (1838), Kopenhagen (1839), Jever, Bitterfeld, Bayreuth und Marburg (1840). 1847 nahmen die Gemeinden ein Glaubensbe­kenn­tnis an, das einen deutlichen Einfluss des calvinistisch geprägten angel­sächsischen Baptis­mus erkennen lässt, dem Oncken sich zeitlebens verbunden fühlte. 1849 wurde der „Bund der vereinigten Gemeinden getaufter Christen in Deutsch­land und Däne­mark“ gegründet, im selben Jahr erschien das erste Gesangbuch, die von Julius Koebner heraus­gegebene „Glaubens-stimme“. 1859 hatte die baptistische Mission außer Deutschen und Dänen bereits Gläubige polnischer Nationalität erreicht. Mission, Kampf für Religionsfreiheit und Überwindung von sprachlichen und nationalen Unterschieden waren für die frühen Baptisten ein und dasselbe Anliegen — nämlich das Anliegen des Evangeliums.

 

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