Redensarten und die Jahreslosung

02.06.2009 19:13

Redensarten und die Jahreslosung

 

„Wer singen will, findet immer ein Lied“, behauptet ein schwedisches Sprichwort. Damit wird ausgesprochen, was viele Menschen denken, dass nämlich das „Unmögliche“ gar nicht so unerreichbar ist. „Schaffe nur die Gelegenheit, und Gott wird dir helfen.“

So führt ein maurisches Sprichwort diesen Gedanken weiter, als käme es nur auf die  entsprechenden Voraussetzungen an. Oder man sollte den richtigen Augenblick nutzen: „Schmiede das Eisen, solange es heiß ist.“ (Volksmund) oder: „ man muss den Mund aufmachen, wenn Brei angeboten wird“ (aus Flandern). Ein deutscher Schriftsteller und Dichter (Stendhal) schärft ein: „Die meisten Menschen haben einen Moment in ihrem Leben, wo sie große Dinge tun könnten, in dem ihnen nichts unmöglich ist.“  Sind Wunder also doch machbar?

„Natürlich“, sagen Unternehmer in ihrer Werbung. „Nichts ist unmöglich“ redet uns der  weltgrößte Autokonzern ein und vermittelt damit die Einsicht, dass finanzielle Grenzen überschritten werden können. Noch deutlicher hat dies schon ein Versandhändler in den 60-ziger Jahre der Kundschaft eingeprägt: „Neckermann machts möglich.“ Niemand sollte denken, irgendetwas ginge nicht. Vielleicht liegts nur daran, dass man den falschen (Geschäfts)-Partner hat. So wird den Menschen, nicht nur als Verbrauchern, eingetrichtert, sie müssten den Gedanken verwerfen, sie könnten sich dies oder jenes nicht leisten oder irgendetwas nicht schaffen.

Auch der sozial – politische  Pädagoge Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) appellierte in dieser Weise an den Willen der Leute: „Wenn der Mensch sich etwas vornimmt, so ist ihm mehr möglich, als man glaubt.“ Dies hat sich auch populär durchgesetzt in der bürgerlichen Erziehung, wo die Mahnungen gelten: „Streng dich an!“, “ Du musst Dir mehr Mühe geben!“, „Reiß Dich am Riemen!“ Etwas vornehmer drückte sich schon der Italiener Dante Alighieri (1265 – 1321) aus: „Möglichkeiten sind immer da, nur der Sehende wird sie gewahr. Der eine wartet, dass die Zeit sich wandelt, der andere packt sie kräftig an und handelt.“ Was aber, wenn einer mit seinem Latein am Ende ist? Und erst recht, was dann, wenn weder Hinsehen noch Zupacken helfen? Dass es absolute Grenzen gibt, kennen wir wir alle. Ein Sprichwort in Lappland, wo man Kletterkünste im tropischen Urwald nicht kennt, drückt es so aus: „Niemand kann auf einen Baum steigen, der keine Äste hat.“ Und auch Friedrich Schiller (m Wallenstein) erschrickt bei dem Gedanken, dass der Wille es nicht mehr schafft: „Wär`s möglich? Könnt ich mehr, wie ich wollte?“ Die „Augen - zu – Politik“ eines Franzosen verdeckt nur die Wirklichkeit: „Unmöglich ist ein Wort, das ich nie ausspreche.“ (Dies Zitat von Jean Collin d`Harleville wurde später abgewandelt in: „Unmöglich ist kein Wort der französischen Sprache.“)

Wer sich der Wirklichkeit stellt, muss zugeben, dass er oft genug ans Ende seiner Kräfte seiner Einsichten der Möglichkeiten gekommen ist. Es ist keine Schande, sich seiner Grenzen bewusst zu sein. Und es muss auch nicht zur Resignation führen, wie wie es der Gottesglaube eines Paul Gerhardt vermittelt: „Tritt du zu mir und mache leicht, was mir sonst fast unmöglich deucht, und bring zu gutem Ende, was du selbst angefangen hast durch Weisheit deiner Hände.“ (aus: „Ich weiß, mein Gott, dass all mein Tun)

                                                                                                                                    H.S.

 

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