Zum 100. Geburtstag von Hilde Domin (Mit Sprache)

Zum 100. Geburtstag von Hilde Domin (Mit Sprache)

Hilde Domin, Tochter eines jüdischen Rechtsanwalts, wurde 1909 (bis 1999 gab Domin 1912 als Geburtsjahr an) in Köln geboren. Nach dem Abitur am Merlo-Mevissen Lyzeum in Köln studierte sie von 1929 bis 1932 an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Universität zu Köln, Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn und Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin zunächst Jura, später Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Philosophie. Ihre wichtigsten Lehrer waren Karl Jaspers und Karl Mannheim.

1932 begann sie zusammen mit dem Archäologiestudenten Erwin Walter Palm ein Auslandsstudium in Rom, politische Motive spielten eher eine untergeordnete Rolle. Doch nach Hitlers Machtergreifung wurde das Studienland zum Exil. An dem renommierten Istituto Superiore di Scienze Sociali e Politiche "Cesare Alfieri" in Florenz machte sie am 6. November 1935 das "diploma di laurea" in "Scienze Sociali e Politiche" mit höchster Punktzahl und Auszeichnung. Während sie nach Rom zurückreiste und von 1935 bis 1938 Deutschunterricht für Privatschüler gab, ging Palm in Florenz bis Februar 1935 weiter seinen Studien nach. Am 30. Oktober 1936 heiratete sie ihren Lebensgefährten Erwin Walter Palm.

Die italienischen Rassengesetze vom 17. September 1938 zwangen alle Juden, Italien bis zum 12. März 1939 zu verlassen. Deshalb floh das Paar 1939 in letzter Minute aus Italien - das von Mussolini gesetzte Ultimatum für die Ausreise war bereits überschritten. Über Paris flohen sie nach Großbritannien, lebten wie die meisten jüdischen Flüchtlinge im Londonder Stadtteil Hampstead, bevor die Eltern Löwenstein in Minehead, Sumerset ein Häuschen erwarben. Dort unterrichtete Hilde Palm ein halbes Jahr lang als Sprachlehrerin am St. Aldwyn’s College. Angesichts der Kapitulation Frankreichs und des drohenden Blitzkriegs entschlossen sie sich zur Flucht aus England. Am selben Tag wie auch Stefan Zweig flohen sie am 26. Juni 1940 über Kanada in die Dominikanische Republik. Dort war Hilde Palm die Assistentin ihres Mannes: sie übersetzte und tippte seine Arbeiten, dokumentierte seine Studien fotografisch und unterrichtete von 1948 bis 1952 Deutsch an der Universität von Santo Domingo.

Schon 1946 begann sie mit ersten schriftstellerischen Tätigkeiten, der zunehmenden seelischen Vereinsamung setzte sie ihr Schreiben entgegen, das sie nach dem Tod ihrer Mutter, 1951, vor dem Selbstmord rettete. Sie war "eine Sterbende, die gegen das Sterben anschrieb". Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland 1954 veröffentlichte sie Gedichte unter dem Pseudonym Domin - sie hatte sich nach dem Namen ihrer Insel genannt, wo sie ihr Dichterleben begann. Lieben und geliebt werden, vor allem aber Gebrauchtwerden war für Hilde Domin der eigentliche Sinn des Lebens.

 

1954 kehrte sie nach 22 Jahren im Exil in die Bundesrepublik zurück, doch pendelte sie noch sieben Jahre zwischen Spanien und Deutschland hin und her, bevor sie sich 1961 endgültig in Heidelberg niederließ. Ihren Weg als Schriftstellerin musste sie sich erkämpfen. Neben Gedichten, Erzählungen und einem Roman in Montageform schrieb sie zunehmend Essays und literaturwissenschaftliche Abhandlungen, die viel zu wenig Beachtung fanden. Vor allem ihrer Lyrikanalyse Wozu Lyrik heute wäre mehr Beachtung gezollt worden, „stammte sie aus der Feder eines männlichen Theoretikers“ (so Ulla Hahn in ihrer Laudatio 1992 anlässlich der Verleihung des Hölderlinpreises an Hilde Domin). Sie war als Übersetzerin und Herausgeberin tätig, stand jungen Dichterkollegen mit Rat zur Seite.

Domin trug in Lesungen ihre Gedichte zweimal vor. Sie las in Gefängnissen, Schulen und Kirchen. In einem Interview 1986 wurde ihr die Frage gestellt, wie viel Mut ein Schriftsteller benötige. „Ein Schriftsteller braucht drei Arten von Mut. Den er selber zu sein. Den Mut, nichts umzulügen, die Dinge beim Namen zu nennen. Und drittens den, an die Anrufbarkeit der anderen zu glauben.“ Im Wintersemester 1987/88 hielt sie als vierte Frau nach Ingeborg Bachmann, Marie Luise Kaschnitz und Christa Wolf die Frankfurter Poetik-Vorlesungen.

Zu ihrem 95. Geburtstag am 27. Juli 2004 wurde Hilde Domin die Ehrenbürgerwürde der Stadt Heidelberg verliehen. Die Dominikanische Republik zeichnete sie mit dem höchsten Orden aus, den der Inselstaat zu vergeben hat: del mérito de Duarte, Sánchez y Mella. Bereits zu ihrem (eigentlich 83.) 80. Geburtstag stiftete die Stadt 1992 ihr zu Ehren den alle drei Jahre vergebenen Literaturpreis Literatur im Exil, der seit ihrem Tod Hilde-Domin-Preis heißt. Am 15. Februar 2006 wurde sie Ehrenmitglied des P.E.N.-Club des Exils.

Hilde Domin war seit 1930 Mitglied der SPD, sah sich aber in späteren Interviews auch als Vordenkerin der Grünen. Ihren Lebensabend verbrachte die Dichterin in Heidelberg und unternahm bis ins hohe Alter Lesereisen, auch noch im hohen Alter: 2003 in Spanien, 2005 in England.

Am 22. Februar 2006 starb sie in Heidelberg im Alter von 96 Jahren an den Folgen eines Sturzes. Sie wurde auf dem Heidelberger Bergfriedhof beigesetzt und ruht im selben Grab wie ihr 1988 verstorbener Mann in unmittelbarer Nähe des Grabes des Dichters Friedrich Gundolf.

Am 7. März 2007 wurde die Haus- und Landwirtschaftliche Schule Herrenberg Hilde-Domin-Schule genannt. Auch in Köln trägt seit Oktober 2008 eine Schule ihren Namen.

 

(Text bei Wikipedia)