Zum 120. Geburtstag von Elisabeth von Thadden

Zum 120. Geburtstag von Elisabeth von Thadden

 

Elisabeth von Thadden entstammte dem alten pommerschen Adelsgeschlecht Thadden und war die Tochter des mehrfachen Gutsbesitzers Dr. jur. Adolf von Thadden (1858-1932), königlich preußischer Landrat des Kreises Greifenberg,

Sie blieb unverheiratet.

Leben und Wirken:

Zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Reinhold, Marie-Agnes ("Anza"), Helene und Ehrengard ("Eta") wuchs sie auf dem pommerschen Gut Trieglaff im Kreis Greifenberg (heute Trzygłów, Woiwodschaft Westpommern) auf, unterbrochen von Internatsjahren in Baden-Baden und Reifenstein. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrte sie neunzehnjährig auf das Gut Trieglaff zurück, führte dort 10 Jahre lang für ihren Vater Haus und Hof und übernahm die Betreuung ihrer jüngeren Geschwister. Die Familie Thadden führte ein sehr offenes Haus mit ständig zahlreichen Gästen und vielfältigen Veranstaltungen mit sozialen, politischen und kulturellen Inhalten. Elisabeth von Thadden lernte in diesen Jahren einen ihrer wichtigsten Wegbegleiter und Mentoren kennen, Friedrich Siegmund-Schultze, damals Pfarrer an der Potsdamer Friedenskirche und Gründer der ökumenischen „Sozialen Arbeitsgemeinschaft“. In Zusammenarbeit mit ihm unterstützte sie während des Ersten Weltkriegs die Kinderlandverschickung nach Dänemark und Holland organisatorisch und nahm selbst erholungsbedürftige Stadtkinder wochenlang auf Gut Trieglaff auf.

Im Jahre 1920 heiratete der Vater in zweiter Ehe die wesentlich jüngere Barbara Blank. Daraufhin verließ Elisabeth mit den anderen Thadden-Töchtern Trieglaff und die geliebte Heimat. Sie übersiedelte nach Berlin. Dort betätigte sie sich in der Sozialen Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost und absolvierte Kurzkurse in Sozialer Arbeit an der von Alice Salomon gegründeten Sozialen Frauenschule. Im April 1921 übernahm Elisabeth die Stelle einer Erziehungsleiterin im Kinderdorf Heuberg auf der Schwäbischen Alb, einer Erholungsstätte, die nur einige Monate im Jahr in Betrieb war. Den Winter verbrachte sie in Berlin. Mit dieser Situation war sie nicht zufrieden, sie sehnte sich nach einer festen Anstellung an einer Schule: „Dies war aber nicht möglich, da ihr die entsprechenden Zeugnisse fehlten. So beschloss sie, selbst eine Schule zu gründen, ein modernes Landerziehungsheim. Doch zuvor ging sie für eineinhalb Jahre in die seit 1920 bestehende Schule Schloss Salem, eine vergleichbare Institution, um vor Ort die Arbeit eines solchen Landerziehungsheimes kennen zu lernen“ (Schad 2001, S. 146).

Auf der Suche nach einem geeigneten Ort für ihr Landerziehungsheim konnte Elisabeth von Thadden das leerstehende Wieblinger Schloss in der Nähe von Heidelberg pachten und gründete den Verein Evangelisches Landerziehungsheim Wieblingen e. V. als Schulträger. Ostern 1927 konnte das „Evangelische Landerziehungsheim für Mädchen“ seiner Bestimmung übergeben werden. Das schulpädagogische Konzept orientierte sich an der Reformpädagogik mit christlicher Prägung. Elisabeth von Thadden leitete das Mädcheninternat, das auch "Externen" offen stand und bis zuletzt auch von jüdischen Schülerinnen besucht und bewohnt wurde, bis zur Verstaatlichung aller konfessionellen Privatschulen 1941. Gemeinsam mit Hermann Maas, dem evangelischen Pfarrer der Heidelberger Heiliggeistkirche, der wie Elisabeth von Thadden der Bekennenden Kirche nahe stand, unterstützte sie Jüdinnen und Juden bei der Emigration ins Ausland. Weil sie bei Kriegsausbruch Bedenken wegen der nahen Westfront hatte, verlegte Elisabeth von Thadden einen Großteil des Schulbetriebs von September 1939 bis Ostern 1941 nach Tutzing am Starnberger See. In diese Zeit fiel eine Hausdurchsuchung und ein Verhör durch die Gestapo aufgrund der Denunziation einer Schülerin bzw. deren Mutter. Wichtige Freundin und Unterstützerin in den Wieblinger und Tutzinger Jahren war Marie Baum.

Nachdem die Nationalsozialisten ihr das Landerziehungsheim genommen hatten, fand Elisabeth von Thadden in Berlin im Haus von Anna von Gierke Unterschlupf. Elisabeth betätigte sich ab September 1941 im Präsidium des Deutschen Roten Kreuzes, u. a. für die Organisation von Lektüre für deutsche Kriegsgefangene und Internierte im Ausland. Eine berufliche Stellung, die ihren Fähigkeiten entsprach, bekam sie nicht mehr, sondern wurde als DRK-Schwesternhelferin eingesetzt.

In Berlin nahm Elisabeth von Thadden an sogenannten "Teegesellschaften" bei Anna von Gierke und Hanna Solf teil, bei denen sich bei Vortragsveranstaltungen auch RegimekritikerInnen kennen lernten und austauschten, unter Anderem über Perspektiven und organisatorische Fragen für die Zeit nach dem vorhersehbaren "Zusammenbruch". Darüber hinaus engagierten sie sich auch sporadisch bei der Fluchthilfe für Verfolgte, hielten Kontakt zu ExilantInnen und unterstützten Untergetauchte mit Lebensmittelkarten. Der sogenannte Solf-Kreis wurde bereits seit 1941 von der Gestapo beobachtet und am 10. September 1943 von dem eingeschleusten Gestapo-Spitzel Paul Reckzeh denunziert. In der Folge wurden 76 Menschen aus dem Solf-Kreis verhaftet und etliche zum Tode oder zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Nachdem der Spitzel aufgeflogen war und Verhaftungen der Mitglieder des Solf-Kreises zu befürchten standen, hatte sich Elisabeth von Thadden im Dezember 1943 nach Meaux (Frankreich) zur Bewirtschaftung des dortigen Soldatenheims versetzen lassen, wohl in der Hoffnung "aus der Schusslinie zu kommen". Am 13. Januar 1944 wurde sie jedoch in Meaux verhaftet, im Juli 1944 vom Volksgerichtshof unter dessen Präsidenten Roland Freisler zum Tode verurteilt und am 8. September in Berlin-Plötzensee hingerichtet.

Sie selbst beschrieb ihre Gefangenschaft und ihre Rolle im Widerstand am Tag ihrer Hinrichtung gegenüber dem Gefängnispfarrer Ohm wie folgt: „Ich wurde in Meaux in Frankreich um 8 Uhr morgens festgenommen. Im Auto wurde ich von Meaux nach Paris gebracht, dort verhört von morgens 9 bis abends um 6 Uhr, nach 1 Stunde Abendbrotzeit Fortsetzung des Verhörs während der ganzen Nacht. Im Laufe des nächsten Tages wurde die Verhaftung ausgesprochen. Es bestand mehrfach Fluchtmöglichkeit, von dieser habe ich bewußt keinen Gebrauch gemacht, um meinen Bruder nicht zu gefährden. Dann wurde ich nach Berlin gebracht und erneut die ganze Nacht verhört. Die Schwere der Inquisition war ganz ungeheuerlich! Ich wurde gefragt nach der Bekennenden Kirche und nach der Una Sancta. Mir ist kein einziges Wort entschlüpft, das andere belastet hätte. Das K. Z. Ravensbrück war schlimm. Mit dem Attentat vom 20. Juli habe ich nichts zu tun gehabt, kenne keinen dieser Leute. Ich hatte zuviel Einfluss, mein Kreis war zu bedeutend geworden. Wir wollten soziale Hilfe leisten, in dem Augenblick, wo diese Hilfe not tat. Dass dieser Augenblick kommen mußte war klar. Wir wollten barmherziger Samariter sein, aber nichts Politisches.“ (von der Lühe 1966)

(Text: Wikipedia)