Zum 1255. Todestag von Winfrid Bonifatius 5. Juni 754

 Zum 1255. Todestag von Winfrid Bonifatius   5. Juni 754

Bonifatius, WyWynfreth (Winfried, * 672/675 in Crediton in der Nähe von Exeter im damaligen Kleinkönigtum Wessex, der heutigen Grafschaft Devon, im Südwesten Englands; † 5. Juni 754 oder 755 bei Dokkum in Friesland ), war einer der bekanntesten Missionare und der wichtigste Kirchenreformer im Frankenreich. Er wird seit der Reformation von der katholischen Kirche als „Apostel der Deutschen“ bezeichnet.

Leben

Wynfreth (der seinen kirchlichen Namen Bonifatius erst 719 durch Papst Gregor II. erhielt) wurde in einer vornehmen Familie in Crediton/Wessex um 673 geboren und in den Benediktinerklöstern Exeter (angelsächsisch Aet Exanceastre) und Nhutscelle (Nursling, zwischen Winchester und Southampton) erzogen. In letzterem wurde er im Alter von etwa 30 Jahren zum Priester geweiht. Wynfreth betätigte sich als Lehrer für Grammatik und Dichtung, bis er seine Missionstätigkeit im östlichen Teil des Frankenreichs und dessen Randgebieten aufnahm. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits als Gelehrter bekannt, unter anderem als Verfasser einer neuen lateinischen Grammatik.

716 unternahm Wynfreth eine erste Missionsreise zu den Friesen. Diese scheiterte jedoch an dem Friesenherzog Radbod, einem Heiden und Gegner der Franken, der gerade das südwestliche Friesland von diesen zurückerobert hatte. So kehrte Wynfreth noch im Herbst 716 nach Nursling zurück, wo er im darauf folgenden Jahr zum Abt gewählt wurde. Inwieweit er zu dieser Zeit in Kontakt mit Willibrord stand, einem ebenfalls angelsächsischen Missionar in Friesland, ist nicht genau bekannt. Willibrord hatte bereits 695 mit der Missionierung der Friesen begonnen, musste nun jedoch erleben, wie sein Werk durch Radbods Erfolge zusammenbrach.

718 gab Wynfreth seine Position als Abt auf und verließ England für immer, um zunächst eine Pilgerfahrt nach Rom zu unternehmen. Dort erhielt er von Papst Gregor II. am 15. Mai 719 den Auftrag, „ungläubigen Völkern das Geheimnis des Glaubens bekannt zu machen“. Unter dem ihm vom Papst verliehenen Namen Bonifatius begann er seine Mission erneut bei den Friesen, diesmal in Zusammenarbeit mit Willibrord. Obwohl die äußeren Voraussetzungen diesmal ungleich günstiger waren als bei Bonifatius’ erster Missionsreise – Radbod war inzwischen gestorben –, gab es anscheinend erhebliche Spannungen zwischen den beiden Missionaren, und so trennten sie sich 721. Danach zog Bonifatius mehr als ein Dutzend Jahre durch Gebiete im heutigen Hessen, Thüringen und Bayern.

Die Missionsreisen des Bonifatius darf man sich als Expeditionen vorstellen, auf die er sich mit Kriegern, Handwerkern und größerem Gefolge begab, um Niederlassungen und Klöster zu gründen. Sein Missionswunsch traf sich mit den Interessen des fränkischen Hausmeiers Karl Martell, der (wie auch seine Nachfolger) im Christentum und in einer straff organisierten Reichskirche eine Klammer sah, die den Zusammenhalt seines Reichs fördern konnte. So stellte er Bonifatius nach seiner zweiten Romreise 723 einen Schutzbrief aus, mit dem dieser in sein Missionsgebiet zurückkehrte.

Bonifatius lässt die Donareiche fällen – historisierende Darstellung von 1737
Bonifatius fällt die Donareiche - Radierung von 1781 (Bernhard Rode)

Der Priester Willibald von Mainz berichtet in seiner Vita sancti Bonifatii von einem besonderen Ereignis in Geismar bei Fritzlar in Nordhessen, wo in Sichtweite der fränkischen Festung Büraburg eine seit langem verehrte, dem Thor – auch Donar genannt – geweihte Eiche stand, vermutlich auf dem Hügel, auf dem heute die Stiftskirche von Fritzlar steht. Laut Willibald entschloss sich Bonifatius, diese Eiche fällen zu lassen. Die zahlreichen Anwesenden, nach Willibald darunter auch eine große Menge von Heiden (die also wohl zu den dort lebenden Chatten gehörten), erwarteten gespannt die Reaktion der heidnischen Gottheit; dass diese ausblieb, beeindruckte sie tief und überzeugte sie von der Macht des Christengottes.

Historiker gehen davon aus, dass Bonifatius mit der Fällung der Donareiche kein großes Risiko einging, da er mit dem Schutz der fränkischen Besatzung der Büraburg rechnen konnte. Die Franken waren christianisiert, die Büraburg befand sich seit einigen Jahrzehnten in ihrer Hand, und Geismar war ein − wie archäologische Untersuchungen gezeigt haben – Bauern- und Handwerkerort, der seine Erzeugnisse auf die Büraburg und an das Umfeld lieferte. So bestand sicherlich Kontakt mit dem Christentum. Mit der Fällung der Eiche demonstrierte Bonifatius jedoch nicht nur symbolisch die Überlegenheit des Christentums über alte Götter und heidnische Kulte, sondern auch das Streben nach einer Neuordnung. Aus dem Holz der Eiche ließ er aller Wahrscheinlichkeit nach in Fritzlar eine Petrus geweihte Kapelle bauen, an deren Stelle Wigbert bald darauf eine steinerne Basilika errichten ließ. Am gleichen Ort steht heute die St. Petri Stiftskirche.

Mit Unterstützung des Papstes konnte Bonifatius nach der in den Jahren 738 bis 739 erfolgten Ordnung der kirchlichen Verhältnisse in Bayern daran gehen, die Bistümer von Regensburg (739), Passau (739), Salzburg (739), Freising (739), Büraburg bei Fritzlar (741), Würzburg (741), Eichstätt (741) und Erfurt (742) zu gründen und deren Bischöfe zu weihen. Er selbst war in der Zwischenzeit zum Missionserzbischof ernannt worden und erhielt 746 das Bistum Mainz als Sitz, dies allerdings erst nach seinem vergeblichen Versuch, den Kölner Bischofsstuhl zu erlangen.

Bonifatius traf an vielen Orten seiner Tätigkeit innerhalb eines weitgehend heidnischen Umfeldes Bevölkerungsgruppen an, die bereits in mehr oder minder loser Form Kontakt mit dem Christentum hatten. Dieser christliche Einfluss war vorwiegend auf die Franken und ihre Verbindung zu den lokalen Großen zurückzuführen, in Thüringen auch auf die Missionsarbeit des bereits genannten Willibrord. Hinweise auf eine frühere iro-schottische Mission haben sich dagegen in diesem Bereich nicht bestätigt. Vor allem in Thüringen ergaben sich erhebliche Konflikte durch die Bestrebungen des Bonifatius, eine Kirchenorganisation nach römisch-katholischem Vorbild durchzusetzen.

Tod des Bonifatius

Warum der über 80-jährige Bonifatius noch einmal zur Missionierung der Friesen aufbrach, ist unbekannt. In Legenden heißt es, er habe als Märtyrer sterben wollen. Am 5. Juni 754 oder 755 wurde er zusammen mit seinen Begleitern (nach Willibald mehr als 50 Personen) morgens am Ufer des Flusses Boorne bei Dokkum (Niederlande) von heidnischen Friesen erschlagen, an dem Tag, an dem er die Firmung von bereits zuvor getauften Friesen aus der Umgebung vornehmen wollte.

Ob sein Tod im engeren Sinne ein Martyrium war oder es auch Raubmord gewesen sein könnte, ist eher eine theologische Frage. Neueste Untersuchungen kommen zu der Schlussfolgerung, dass die Täter heidnische Friesen waren, die sich sehr wohl bewusst waren, mit wem sie es zu tun hatten, aber auch die Gelegenheit nutzten, um Beute zu machen.

Der Codex Ragyndrudis mit den Hieb- und Nagelungsspuren (letztere durch rote Kreise hervorgehoben)

Ausgangspunkt für diese Schlussfolgerung ist der Codex Ragyndrudis. Er ist als Replikat im Dom-Museum zu Fulda ausgestellt und zeigt im Original sowohl an der oberen wie an der unteren Schmalseite jeweils zwei unterschiedlich lange Einschnitte, die bis maximal 62 mm tief sind und zum Teil auch die Einbanddeckel beschädigt haben . Zudem gibt es auch noch einen weiteren Schnitt parallel zum Falz und dazu – und dies ist für die weitere Interpretation äußerst wichtig – in der Mitte des Außenrandes der Längsseite ein den Codex durchdringendes kleines Loch, das auf eine Nagelung des Codex hinweist. Es ist davon auszugehen, dass auf das Buch eingeschlagen und es vernagelt wurde, als es sich auf einer festen Unterlage befand 

Dieser Codex ist nach der Tradition das Buch, das Bonifatius hielt, um sich vor den mörderischen Hieben von angreifenden heidnischen Friesen zu schützen; einen absoluten Beweis dafür, dass es wie zwei weitere ebenfalls in Fulda befindliche Bücher zu seinem Besitz gehörte, gibt es allerdings nicht. Ungeachtet dessen ist festzustellen, dass das Buch nicht durch Hiebe mit einer scharfen Waffe beschädigt wurde, während es Bonifatius in der Hand hielt, denn dann hätte es bei den Schlägen gefedert und diese wären nicht so tief in das Pergament eingedrungen; obendrein hätte Bonifatius den Codex mehrfach hin und her drehen müssen. Es muss also auf einer festen Oberfläche gelegen haben, als darauf eingeschlagen und es vernagelt wurde.

Bonifatius war, wie die Untersuchung seiner ebenfalls in Fulda aufbewahrten Gebeine ergeben hat, mit seiner Größe von 1,85 m bis 1,90 m, für die damalige Zeit ein schon äußerlich sehr auffälliger Mann, dessen Eindruck noch durch die Wortgewalt vertieft wurde, mit der er seine Predigten vortrug. Es ist also davon auszugehen, dass die Angreifer sehr wohl wussten, wen sie vor sich hatten, als sie das Lager überfielen, denn Bonifatius hatte ja bereits einige Zeit in dieser Gegend gewirkt, wie die von ihm bekehrten Friesen zeigen. Wenn die Angreifer ihn töteten, obwohl er keinen Widerstand leistete und auch seine Begleiter dazu aufgefordert hatte, das Martyrium auf sich zu nehmen (so berichtet es zumindest Willibald), so taten sie es also bewusst auch, um einen Missionar des christlichen Glaubens auszuschalten. Zugleich dürften aber auch die Weihegeräte, die Bonifatius und seine Leute mit sich führten, Ziel der Angreifer gewesen sein, denn sie stellten einen erheblichen Wert dar

Der Grund für die Beschädigung und die Nagelung des Codex Ragyndrudis, den Bonifatius vermutlich bei sich hatte, als der Angriff stattfand, lässt sich nur vor dem Hintergrund der heidnischen Nagelungsrituale erschließen, wie sie etwa von Nagelsteinen in der Norddeutschen Tiefebene her bekannt sind . Die Kreuze auf dem Deckel des Codex könnten der Grund sein, warum er als Bibel angesehen wurde, und der oder die Täter verfolgten offensichtlich die Absicht, das, was sich in dem Buch befand, durch die Nagelung zu bannen, da es Gefahr bringend war. Somit hätte diese "Bannung" eine religiöse Qualität, die in den verschiedenen Bonifatius-Viten jedoch nicht erwähnt wird, vermutlich, weil den Autoren dieser heidnische Bezug nicht bekannt war.

Bedeutung

Bonifatius war kein bedeutender Theologe, aber er verband missionarischen Eifer mit einer seltenen Begabung für Organisation und Administration. Seine geschichtliche Bedeutung wird unterschiedlich gesehen, wobei sich die kirchliche und die politische Interpretation seines Wirkens teilweise erheblich widersprechen.

Aus historisch-kirchlicher Sicht besteht Bonifatius’ Bedeutung in der zielgerichteten Ausrichtung der von ihm geschaffenen Kirchenstrukturen auf das Zentrum Rom und das Papsttum, ganz so wie er sie aus der englischen Kirche kannte und wie er sie, im Gegensatz zu seinen iro-schottischen Vorgängern von der keltischen Kirche, auf dem Kontinent vertrat. Indem er sich nach einem zunächst etwas missglückten Beginn seiner Missionstätigkeit ausdrücklich durch den Papst beauftragen ließ, gelang es Bonifatius schrittweise, die notwendige Anerkennung und Unterstützung durch den fränkischen Adel zu erringen und gleichzeitig das Papsttum in die Entwicklungen in West- und Mitteleuropa einzubinden. Damit legte er einerseits den Grundstein für seine erfolgreiche Missionstätigkeit, andererseits konnte er damit die Anfänge einer in ihren Informations- und Entscheidungswegen von der weltlichen Herrschaft unabhängigen Kirchenorganisation mit Zentrum in Rom entwickeln. Es gelang ihm zwar nicht, den Strukturwandel zu einer von Adelsinteressen freien Kirchenhierarchie im vollem Umfang durchzusetzen, denn dazu fehlte ihm nicht zuletzt auch die Unterstützung der weltlichen Herrscher, aber er war derjenige, der mit der Neudefinition Roms als Mittelpunkt kirchlicher Organisation in Europa einen wichtigen Grundstein zur Werdung des christlichen Abendlandes legte. Bonifatius wusste Karl Martell und die Stammesführer von den Vorzügen – insbesondere von der politischen und kulturellen Einigungskraft – des Christentums zu überzeugen.

Die historisch-politische Interpretation spricht dem Papsttum zu merowingisch-karolingischer Zeit keineswegs die Bedeutung zu, wie sie sich aus kirchlicher Sicht heute darstellt. Die karolingischen Hausmeier bedienten sich zwar zu ihrer Legitimierung des päpstlichen Ansehens als Stellvertreter Christi auf Erden, behielten jedoch die faktische Gewalt jederzeit durch ihre militärische Macht in ihren Händen und halfen dem Papst damit gegebenenfalls aus schwierigen Situationen. Es handelte sich also um eine quid-pro-quo Situation, bei der die Franken am längeren Hebel saßen. Bonifatius, der als treuer Anhänger des Papstes agierte und die organisatorische Form der auf Rom ausgerichteten Kirchenhierarchie festigte, verhalf damit gleichzeitig den karolingischen Hausmeiern zur Stärkung ihrer Herrschaft. Da die Glaubenseinigung des Frankenreiches ein stabilisierender Faktor der fränkischen Oberhoheit über Land und Leute war, konnte Bonifatius auf die Unterstützung der Hausmeier zählen. Das Bündnis zwischen Papsttum und Karolingern wurde in der Folge zu einer bestimmenden politischen Konstante des Frankenreiches. Die zugleich darin angelegte Frage der Vorherrschaft der einen oder anderen Seite spielte jedoch bis zum Ende der fränkischen Dominanz in Mitteleuropa keine herausragende Rolle.

 

[Fotos und Text: Wikipedia]